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Gerard Delteil:
Die religiösen Ursprünge der Ungleichheit von Mann und Frau.

Gerard Delteil, Professor für  protestantische Theologie und ehemaliger  Dekan  an der Universität von Montpellier. Der Text enthält seine Ansprache anlässlich des Kolloquiums Paroles de femmes pour la paix (Frauen für den Frieden), welches im März 1999 in Le Mans stattgefunden hat. 

Ich danke Ihnen, dass Sie bei der Veranstaltung Frauen für den Frieden mir, einem Mann, der ausgerechnet auch noch Theologe ist, die Gelegenheit geben zu sprechen. Denn die vielen ungelösten Fragen der Frauen an die Theologie wiegen schwer.
„Die christliche  Weltanschauung hat zu einem großen Teil zur Unterdrückung der Frauen beigetragen“, schrieb einst Simone de Beauvoir (1).

Ist die Religion ein Hindernis auf dem Weg zur Gleichberechtigung von Mann und Frau? Oder stimmt gar, was  die Bewegung  „Jeunes Femmes“ bei ihrem Landeskongress so formulierte:
Hat Gott Angst vor den Frauen?(2)

Es scheint zweifellos so zu sein, wenn man unseren Kontinent insgesamt betrachtet. Die Religion erweckt heute den Eindruck, eine der Hauptursachen für die Diskriminierung der Frau zu sein. Diese Diskriminierung kann brutale, ja barbarische Formen annehmen, man denke nur an den Iran oder Afghanistan. Aber manchmal gibt sie sich auch sanft,  kommt auf leisen Sohlen daher. Wie dem auch sei: religiös begründete Diskriminierung der Frau und die Rechtfertigungen, derer sie sich bedient, stellen eine der häufigsten Formen von Gewalt gegen Frauen dar. Wie ist diese Verquickung von Religion und Sexismus zu verstehen?

Ich möchte zunächst einmal auf einen Widerspruch hinweisen:

- Die großen überlieferten Religionen verkünden  ein und dieselbe  Botschaft, die Botschaft des Friedens, der Versöhnung und der  jedem menschlichen Geschöpf von Gott verliehenen unantastbaren Würde.

- Gleichzeitig tragen alle (oder fast alle) diese Religionen  zur Vorherrschaft des Männlichen bei.

Zwei Lehren werden  hier miteinander verknüpft:

- die Lehre von der Gleichheit der Menschenwürde  für Frauen und Männer

- Die Lehre von der Unterschiedlichkeit, welche immer wieder zu Ungleichheit führt

Wie lässt sich diese eigenartige Verknüpfung erklären?

Meine Überlegungen werde ich in zwei Schritten darlegen:

- zum Ersten werde ich mich der Festschreibung der Ungleichheit in der Religion beschäftigen. Wo zeigt sie sich? Unter welchen Formen wird sie deutlich?  Diese Fragestellung ist eher rückblickend orientiert, wie die Archäologie, die die Vergangenheit erforscht.

- in einem zweiten Schritt werde ich anhand zeitgenössischer Fragestellungen und Streitfragen aufzeigen, wie schwer die Schaffung wirklicher  Gleichheit ist. Hierbei werde ich mehr nach vorn schauen nach und versuchen zu skizzieren, wie eine vollendete Wechselbeziehung aussehen könnte.

1. Die männliche Dominanz lässt sich in drei Bereichen feststellen: im Bereich der Institutionen, der Vorstellungen und dem der Rechtfertigung 

1.1 Im Bereich der Institutionen ist die Rollenverteilung festgeschrieben:

Unabhängig von der Frage, von welcher politischen Seite die öffentlichen Aufgaben wahrgenommen werden, vollzieht sich ihre Verteilung, die allein den Männern vorbehalten ist, nach einem festgelegten Rollenverständnis, unter strikter Wahrung der Hierarchie. Die männliche Besetzung bestimmter Rollen lässt sich in fast allen Konfessionen feststellen. In den westlichen Gesellschaften, deren Verfassungen  die sexuelle Diskriminierung abgeschafft haben, sind die religiösen Institutionen die letzten und einzigen, die dieses männliche Privileg bewahrt haben. Die Académie Française (Französische Institut für Sprache, Grammatik und Rhetorik, Anm. d. Übers.)  konnte dies bis vor kurzem ebenfalls von sich behaupten, aber selbst dort halten inzwischen die Frauen Einzug, selbst wenn man von einer paritätischen Verteilung der Sitze noch weit entfernt ist.

Auch das kirchliche Ritual, das öffentliche zumindest, nicht das innerfamiliäre – stellt die männliche Dominanz regelrecht zur Schau. Das geschieht mehr oder weniger unbeabsichtigt. Kirchliches Ritual soll in erster Linie das Wesen der Beziehung zu Gott darstellen und zeigen, welche Ausrucksformen diese annehmen kann. Dabei werden  jedoch symbolische Handlungen vollzogen, die den Mann als Mittler  zwischen Gott und Mensch erscheinen lässt und ihm das Amt des Heilsträgers zuordnet.  Wenn Männer derart als zentrale Gestalt einer religiösen Zeremonie erlebt werden, so geht von diesem Bild eine deutliche Suggestivkraft aus.

1.2 Im Bereich der Vorstellungen kommt es zum Konflikt zwischen Erneuerung einerseits und patriarchalischer geprägter Kultur andererseits.

Einerseits gehen die drei großen monotheistischen Religionen von einer Botschaft aus, die zum Bruch mit den festetablierten Wertvorstellungen führt. Das Wort des einzigen Gottes fordert uns auf, über alle  politischen Grenzen hinaus ein einziges Volk zu bilden und auch angesichts weltlicher Macht, wie immer sie auch beschaffen sein mag, in Freiheit zu leben. Dies ist  der Ursprung der Bewegung, der Beginn der prophetischen Verkündigung. In  Jesu Botschaft ebenso wie in seinem Handeln liegt die Vision einer neuen Beziehung zwischen Männern und Frauen inmitten einer patriarchalischen Gesellschaft. Eine neue veränderte Auffassung der Beziehung zu Gott führt im Gegenzug zu einer neuen Beziehung der Menschen zueinander. Die moderne feministische Theologie beruft sich immer wieder auf Jesu Handeln. Mehr noch: sie führt uns zurück zu der vergessenen oder verborgenen Geschichte der Urgemeinde, die sich aus gleichberechtigten Anhängern zusammensetzte. Das ist die radikal neue Seite  dieser Lehre, die zumindest in der Theorie jede Diskriminierung ausschließt.

- Die andere Seite jedoch, das ist Macht der Tradition, der “patriarchalisch - christlichen  Kultur“, deren erste Ansätze sich bereits im Neuen Testament nachweisen lassen, und die noch immer lebendig sind. Ich möchte das an drei Beispielen deutlich machen. Sie zeigen die Mechanismen, die  das Christentum über lange Zeit geformt haben und deren Spuren noch heute, wenn auch teilweise verborgen,  vorhanden sind.

1.2.1 Zum Ersten: die Idealisierung

Die Frau gilt als Trägerin grundlegender Werte (Zärtlichkeit, Hingabe, Verzicht); sie ist es, die diese Werte durch ihre Rolle als Mutter und Erzieherin weitergibt. Man spricht von ihr in den höchsten Tönen. Die Muster-Frau, deren höchste Verkörperung die Gestalt der Maria ist. Es gibt kaum einen Text, der dies besser deutlich macht, als ein Schreiben Pauls VI. an die italienischen Gynäkologen aus dem Jahre 1966. Die Art, wie man Frauen zu begegnen habe, vergleicht er mit der des Gynäkologen. Und er wird geradezu poetisch: Für Uns ist die  Frau Abglanz einer Schönheit, die über sie selbst hinausreicht, die Verkörperung  unermesslicher Güte, der Spiegel des idealen Menschen, sowie Gott ihn  nach seinem Ebenbild geschaffen hat.
Diese Idealisierung hat schon einer verklärende Züge.

Diese Idealisierung, wann immer sie zum Ausdruck gebracht wird, hat nur ein Ziel: sie dient als Entschädigung für die der Frau zugewiesene  untergeordnete Stellung.  So sehr ihr Vorbildcharakter  verbal betont wird, so sehr wird sie von praktischer Erfahrung und Verantwortung fern gehalten.

1.2.2 Zum Zweiten: die Stigmatisierung als Gegenpol

Die Frau ist Verführte und Verführerin. Die Frau ist schuldig. Die ungezählten Variationen des Eva-Mythos haben in unserem kollektiven Unbewussten die Spuren dieser Stigmatisierung festgeschrieben.

Die traditionelle Literatur hat in diesem Mythos den der Erbsünde gesehen, die verantwortlich ist für alles spätere Unglück der Menschheit. Eva trägt daran die  Schuld, sie wurde dadurch zum Archetyp der sündigen Frau. Sie ist die Verkörperung  des bedrohlich Anderen, und gerade im Anderssein besteht die Bedrohung.

Idealisierung und Stigmatisierung sind die zwei Seiten der selben Medaille, denen  die Gestalten der Eva und der Maria entsprechen. Die Frau ist gefangen in einem religiösen Kontext, der sie überhöht und diskriminiert. Darin besteht die Ambivalenz  der Vorstellung von ihr.

1.2.3 Schließlich: die Betonung der Ungleichartigkeit

Der Unterschied der Geschlechter wird bis in unsere Zeit hinein immer dann thematisiert, wenn es darum geht, trotz Rechtsgleichheit die ungleiche Rollenverteilung zu rechtfertigen.

Die Verschiedenartigkeit der Geschlechter herauszustellen birgt Gefahren in sich. Gleichmacherei wird abgelehnt, man will  sich auf nur das beschränken, was beiden gemeinsam ist, die Andersartigkeit soll nicht bestritten werden. Mann und Frau sind nicht gleich. Doch andererseits besteht hier die Tendenz zur Stereotypisierung von Männern und Frauen. Mit dem Argument, dass beide nicht gleichartig sind, wird immer auch die Ungleichheit gerechtfertigt. In diesem Sinne interpretiert Gisèle Halimi die Worte des Kardinal Lustiger  bei seiner Ansprache vor dem Observatoire de la Parité: „Es galt zu beweisen, dass die Religion dem Mann nicht um seine Männlichkeit brachte, und dies führte im Mittelalter teilweise zu einer Entmündigung der Frau.“(4)

Im übertragenen Sinne herrscht  also ein Konflikt im Bereich der Vorstellungen.  Das Bild der modernen Frau, die  wirtschaftlich und sozial initiativ wird, die politische Verantwortung übernimmt, für die die Mutterschaft nicht mehr Schicksal ist sondern freie Entscheidung, dieses Bild trifft auf Überreste archaischer Vorstellungen, die der Frau bestimmte Rollen, Pflichten und Tugenden als geschlechtsspezifisch zuordnen. Dieses Bild ist, unterschwellig, nach außen oft nicht sichtbar immer noch existent, es prägt uns, ohne dass es uns bewusst ist, manchmal kommt es durch einen sprachlichen Lapsus oder innerhalb einer Institution an die Oberfläche. 

1.3 Die Rechtfertigung

Bei diesem Thema werde ich mich nicht lange aufhalten.
Pierre Bourdieu sagt: Wie mächtig die männlich dominierte Ordnung ist, sieht man an der Tatsache, dass sie glaubt, keine Rechtfertigung nötig zu haben (5).

Für den Bereich der Religion trifft dies jedoch nicht zu. Hier rechtfertigt man sich auf zweierlei Weise:

- Erstens: Berufung  auf die Natur.
 Es gibt eine spezifisch weibliche Natur, eine natürliche Veranlagung zur Mutterschaft, (so Johannes Paul II. in Die Würde der Frau, 18),  allgemein ausgedrückt, eine natürliche Ordnung oder Naturgesetze. Man kann auch noch weiter gehen und sagen: die Frau ist die Natur schlechthin. Doch dieses Naturverständnis ist nur ein soziales und kulturelles Konstrukt, welches gesellschaftlich Gewachsenes als naturgegeben ansieht, so dass natürlich die Tatsache, dass bestimmte Funktionen Männern vorbehalten bleiben, als etwas Natürliches hingestellt werden kann. 

- Wichtiger jedoch ist die Berufung auf die Schrift, bzw. auf die Tradition, die gleichermaßen Autorität besitzt. Jahrhundertlang wurde unter christlicher Herrschaft die männliche Vorherrschaft und die Unterordnung der Frau als die von Gott gewollte Ordnung aufgefasst. Die Heiratszeremonie bestätigte noch bis vor Kurzem  diese Ordnung, indem sie von der Frau verlangte, ihrem Manne untertan zu sein. Heute ist dies zwar nicht mehr generell der Fall;  dennoch sorgt die Bezugnahme auf die Heilige Schrift dafür, dass fortbesteht,  was Johannes Paul II. in seinem Schreiben zur Würde der Frau als „biblisches Paradigma der Frau“ bezeichnet, ein von traditionellen Vorstellungen geprägtes Bild der Frau als Vorbild mit beinahe normativem Charakter.

Ich habe mich hier insbesondere auf das Christentum bezogen, doch entsprechende Untersuchungen führen auch bei anderen Konfessionen zu den gleichen Ergebnissen. So erklärt beispielsweise Professor Samuel Trigano mit Blick auf die jüdische Religion: Die Haltung des Judentums zur Frau lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: der mystische Charakter des Weiblichen wird besonders betont, gleichzeitig aber rückt die Frau als Rechtsperson an die zweite Stelle(7).
Auf fast allen Konfessionen lastet ihre eigene  Geschichte, in der gelebte Tradition und schriftliche Überlieferung gemeinsam dazu beitragen, die Ungleichheit im religiösen Bereich festzuschreiben. 

2. Die Schwierigkeit, Gleichheit  zu schaffen

Die bisherigen Feststellungen müssen nun genauer untersucht werden. Es gilt, sie den neuesten Entwicklungen und den aktuellen Auseinandersetzungen  gegenüberzustellen. Dieses soll anhand von drei Themenkreisen geschehen:

- Elemente der Erneuerung
- Texte neu lesen
- einige Orientierungshilfen für eine Kultur der wechselseitigen Beziehungen

2.1 Elemente der Erneuerung

Durch die Moderne in Zugzwang gebracht, aber auch durch Veränderungen bezüglich der Stellung der Frau (Empfängnisverhütung, Abtreibung usw.) und der Beziehungen zwischen Mann und Frau, machen auch die Glaubensgemeinschaften wichtige Entwicklungen durch, die in den sechziger Jahren im II. Vatikanischen Konzil ihren Ausdruck fanden. Dieses Konzil betonte, dass die Forderung nach  rechtlicher und faktischer Gleichstellung der Frau  eines der  wichtigsten Ziele  der Menschheit sei. (Gaudium et Spes, 9,2).  Sogar Theologen rufen dazu auf, die Ungleichheit durch ein neues Konzept zu ersetzen.

Diese Entwicklung zeigt sich deutlichsten daran, dass die Frauen mehr und mehr Verantwortung übernehmen. In der Katholischen Kirche zum Beispiel in Quebec, wo dies mit sehr viel Mut realisiert wird. Innerhalb der protestantischen Kirchen (mit Ausnahme einiger evangelischer Gemeinden) ist die bedeutendste Veränderung die Tatsache, dass Frauen Zugang zum Pastorensamt bekommen haben. Was aber ändert sich dadurch, von der Tatsache einmal abgesehen, dass hier die letzte Barriere für die Frauen gefallen ist?

Zunächst einmal: die Gestalt des Pfarrers, der eine Symbolfigur ist und für viele Gläubige einen Halt darstellt, ist nicht mehr ausschließlich männlich. Hier wird ein entscheidender Unterschied  deutlich  sichtbar. Außerdem verkünden Männer und Frauen gemeinsam das Wort Gottes, das für die Kirchen der Reformation die Grundlage der Beziehung zu Gott ist, und die Erfahrung der Frauen kann zu einer Erneuerung der Sprache und der Perspektive beitragen.

Der Zugang der Frauen zu Lehrstühlen für Theologie an den Universitäten stellt einen weiteren Faktor der Erneuerung dar. Mehr und mehr Theologinnen widmen sich der Forschung. Im Bildungsbereich werden immer mehr Arbeitsplätze an Frauen vergeben, auch in der jüdischen Religion. Die Tendenz, sich Kultur, Bildung und Forschung  zu teilen, ist zwar erst Ansatzweise spürbar, verstärkt sich aber zunehmend. Dort, wo der Weg durch die Institutionen noch blockiert ist, kann damit eine Strategie entwickelt werden, die es den Frauen ermöglicht, auf Umwegen Verantwortung in ihrem Kompetenzbereich zu übernehmen.
In diesem Zusammenhang sollte man auf die Entstehung der feministischen Theologie hinweisen, die sich in den sechziger Jahren im Umkreis der Befreiungstheologie gebildet hat, und die sich seitdem mehr und mehr durchgesetzt hat, besonders in den U.S.A. und in Deutschland, mit den unterschiedlichsten Strömungen. Wodurch sind sie charakterisiert?

- Erstens ist die feministische Theologie  verwurzelt in der Erfahrung, die Frauen im Laufe der Geschichte gemacht haben.. Davon ist die Rede - von der Gewalt, die ihnen angetan wurde, von ihrer Entfremdung. Eine Theologie der Frauen entsteht, die es wagen, >sich auf die Reise in die Freiheit zu machen <.

- Zum Zweiten hat die feministische Theologie eine kritische, ja polemische Seite. Sie entlarvt die angebliche Universalität der klassischen theologischen Sichtweise, sie übt Kritik an der Sprache der Religion und ihrem vorgegebenen Androzentrismus.

- Sie erarbeitet eine Veränderung des Paradigmas: der Schlüssel zum Verständnis der Glaubensbotschaft liegt in ihrer befreienden Wirkung für die Frauen, denn sie sind die ersten Opfer der Unterdrückung. Diese Botschaft bringt ein Vielfaches mehr an Menschlichkeit für die Frauen, und darüber hinaus für alle Menschen, die um ihr wahres Menschsein betrogen worden sind; an diesem grundsätzlichen Kriterium muss alles andere gemessen werden.

2.2 Texte müssen neu gelesen werden

Wenn die Schriften, die für das Christentum grundlegend sind,  so lange   zur Rechtfertigung der Unterdrückung der Frauen gedient haben und es heute noch immer tun, so stellt sich eine entscheidende Frage: die nach ihrem Stellenwert, ihrer Gewichtung, ihrer Interpretation. Diese Frage führt zu einer Auseinandersetzung von hoher Komplexität. Denn diese Schriften - die einzelnen Bücher der Bibel beispielsweise, entstammen einer patriarchalischen Kultur. Die Umstände, die zu ihrer Entstehung beigetragen haben, prägen sie  ebenso , wie das Umfeld, das sie hervorgebracht hat. Außerdem sind die Heiligen Schriften keineswegs homogen, sie stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander, führen zu ständiger Auseinandersetzung, teilweise widersprechen sie sich sogar.

Sie enthält Textstellen, die zwar auch der gleichen patriarchalischen Kultur entstammen, diese Art menschlichen Miteinanders aber für falsch erklären und damit eine erste Bresche schlagen, sowohl  für ihre Zeit als auch für die unsere.  Lassen Sie mich aus dem Schöpfungsbericht des ersten Buches der Genesis zitieren:
“Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbilde, nach seinem Ebenbilde schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie. (Gen I, 27). Keine Spur von Dominanz und Abhängigkeit. Mann und Frau werden im gleichen Zusammenhang genannt, und ihre Verbindung, ihre wechselseitige Beziehung zu einander ist es, die das Ebenbild Gottes ergibt. Schon  hier wird ansatzweise jede Form von Sexismus ausgeschlossen..

Noch erstaunlicher ist das Lied der Lieder, einer der schönsten Liebesgesänge, die die  Menschheit je hervor gebracht hat. Einige Exegeten nehmen neuerdings an, dass dieser Gesang von einer Frau geschrieben wurde. Es ist ein Liebesgedicht, welches das Glück der Liebe besingt, ohne irgendeinen Hinweis auf Institutionalisierung der Liebe in  der Ehe. Zwei Geschöpfe lassen sich im Bewusstsein ihrer Freiheit von der Kraft des Begehrens tragen, in dem sie einander begegnen. In einer beispiellosen Wechselbeziehung, die immer wieder neu erschaffen werden muss, ergreift einmal die Frau die Initiative, dann wieder der Mann. Man kann sich gut vorstellen, wie viel Sprengkraft dieses Gedicht in einer festgefügten patriarchalischen Gesellschaft besessen haben muss.

Das bedeutet: Wir müssen neu und anders lesen! Es geht darum, unter der Oberfläche der Schriften jene Kräfte wieder zu entdecken, die sie inspiriert haben. Die vergessene Geschichte der Frauen muss aufgespürt werden, denn das geschriebene Wort hat sie manchmal verdeckt und manchmal zensiert. Das Widersprüchliche muss sichtbar gemacht werden. Im Gegenzug zu einer wörtlichen Auslegung, die oft nur den Fundamentalisten in die Hände spielt, gilt es, diese Urtexte als offenen Texte zu lesen, die in ihrem geschichtlichen Kontext ebenso lebendig sind wie in dem unsrigen. Eine  neue Art zu lesen hätte grundlegende Konsequenzen, wenn es darum ginge, die Macht des Patriarchats zu beseitigen.

2.3 Zwei weitere Orientierungshilfen auf dem Weg zu zur Wechselseitigkeit in den Beziehungen der Geschlechter:

- Erstens: Die Sprache

Wie kann man die Sprache, derer wir uns bedienen, mit ihrer frauenfeindlichen Syntax  in eine Sprache der Gleichberechtigung umwandeln? Eine schwierige Frage! Sprache verändern, das heißt, die Kultur zu verändern, die uns im Griff hat, die uns prägt. Hier kann man nur in kleinen Schritten voran kommen. Es ist schon ein kleiner Erfolg, wenn sich eine Gemeinde entschließt, die Sprache ihrer Liturgie so umzuformen, dass sie das Männliche und das Weibliche umfasst, dass nicht das Eine sich das Andere ständig einverleibt.

Es wird schwieriger, wenn über Gott gesprochen wird. Die Theologin Maty Daly sagte: Wenn Gott männlich ist, dann ist das Männliche Gott(10). Sprache ist geschlechtsspezifisch, und Gott ist kein Neutrum. Wie anders könnte man in eine Sprache integrieren, was sich jeder  Sprache entzieht, als durch  das Spiel mit Metaphern, die mal männlich, mal weiblich besetzt sind? Die Frage muss letztlich offen bleiben.

- Zweitens: die Erziehung

Die Herrschaft des Mannes über die Frau ist in unserem Denken so tief verwurzelt, dass eine langfristige Erziehungsarbeit notwendig sein wird, um nicht nur sexistischen Vorurteilen, stereotypen Vorstellungen, und frauenfeindlichen Reaktionen entgegenzuwirken,  sondern auch, um einen neuen Blick auf die Andere oder den Anderen zu ermöglichen.

Glaubensgemeinschaften, die auch erzieherisch wirken, sind hier besonders gefordert.  Wie kann religiöse Erziehung zur Selbständigkeit befähigen;  wie kann sie jede und jeden auffordern, sein Leben im Bewusstsein des freien  Willens leben, ohne sich vorgefassten Klischees anzupassen?   Wie kann sie gleichzeitig eine Erziehung zur Verantwortlichkeit  sein, die anregt, gegen jede Form von Unterwerfung kritisch anzugehen? Hier ist unsere Gesellschaft als Ganzes gefordert.

In dieser Auseinandersetzung erscheint die Rolle der Religionen ambivalent. Durch ihr Festhalten an traditionellen Vorstellungen kann sie zur Regression beitragen. Könnte sie auch zum Fortschritt beitragen, und wenn ja, unter welchen Umständen?  Folgende Antwort gibt Professor A. Charfi von der Universität Tunis:  >Um den Preis einer schmerzhaften Revision der aus der Vergangenheit ererbten Praktiken, einer Rückbesinnung auf die lebendigen Quellen, einer Rückkehr zu der prophetischen Botschaft, die sie begründet hat.<(11)

Denn die Frage, um die es letztendlich  geht, das ist die Frage nach der oder dem Anderen schlechthin. Unser letztes Ziel kann nur die Bindung an die oder den Anderen sein, in dem wir ein Geschöpf Gottes sehen,  das es nicht zu unterwerfen,  sondern zu befreien gilt. 

Gérard Delteil, 6 März 1999

1. S. de BEAUVOIR: Le deuxième sexe, Gallimard.  Idées, TA.,p. 112.

  2. Dieu a-t-iI peur des femmes? Mouvement Jeunes Femmes_24 Parc de la Bérengère 92210 Saint-Cloud.

3. Allocution de S.S. PAUL VI a des gynécologues italiens, Documentation  Catholique, 1482, 20 nov.1966, p. 1923.

4. G. HALIMI La nouvelle cause des Femmes, Paris, Seuil, 1997, p.81

5. P. BOURDIEU La domination masculine, Seuil, Liber, 1998, p. 15.

6. JEAN-PAUL II.: La Dignité de Ia Femme, Centurion, 1988, p.74

7. S. TRIGANO «Judaisme: Homme et femme il les créa », Encyclopédie des Religions, Bayard Editions, T.2, p. 1654.

8. I‘Eglise dans le monde de ce temps, (Gaudium et Spes) 9,2, in Vatican II, Les seize documents conciliaires, Montréal et Paris, Fides, p. 180.

9. P.RICOEUR et A. LACOQUE Penser Ia Bible, Paris, Seuil, 1998, p.420.

10 M. DALY: The church and the second sex. New York, Harper & Row, 1968, p. 38

11. A. CHARFI Communication à Ia conférence de Tolède, organisée par la Commission Européenne en 1995, in La montée des intégrismes, Actes du colloque de Lyon, CEPPLE, 47 nie de Clichy, 75311 Paris Cedex 09.

Übersetzung ins Deutsche: Bettina Knust, Münster, Westphalie. 

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